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Meine Mutter

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Ein einfaches Leben hatte meine Mutter nicht. Da ihr Vater früh starb, lebte sie mit ihren drei Geschwistern zeitweise in einem Kinderheim, damit ihre Mutter arbeiten konnte. Nach der Bezirksschule musste sie – obwohl sie gerne Schneiderin geworden wäre – in die Fabrik. Dort fiel das intelligente Mädchen dem Fabrikdirektor auf, er nahm es in sein Haus und unterstellte es seiner Haushälterin. So lernte meine Mutter nicht nur alle Hausarbeiten und das Führen eines herrschaftlichen Haushalts, sondern auch ausgezeichnet kochen, was sie ihr Leben lang gerne tat.

Meine Eltern heirateten während des zweiten Weltkrieges, und ich kam als erstes von  fünf Kindern zur Welt. Schon früh besassen wir ein Auto, und an Sonntagen unternahmen wir mit unserem VW-Käfer Ausflüge in die Berge oder an den Pfäffikersee. Oft besuchten wir auch unsere Grossmutter. Auf den Fahrten sangen wir Lieder, die uns die Mutter, die auch in einem Gesangsverein mitsang, gelehrt hatte.

Mein Vater war stolz auf seine hübsche Frau in gepflegter Kleidung und eleganten Schuhen, die mit ihren roten Lippen im ländlichen Dorf schon etwas auffiel.

Mutter war eine interessierte fröhliche Frau, die für uns Kinder Kleider nähte, strickte und sich um alles sorgte. Auch sonst war sie ausserordentlich tüchtig: Als sich mein Vater selbständig machte, wurde es neben Haushalt und Kindererziehung ihre Aufgabe, Arbeitsaufträge entgegenzunehmen, Rechnungen zu verschicken und die Buchhaltung zu führen.

Unsere Eltern waren fleissige strebsame Menschen. Immer war etwas los. Wir Kinder  erlebten den ganzen Betrieb als Gemeinschaft. Am Familientisch wurde diskutiert, über Arbeit, Sorgen, Politik. Da wurden Probleme in der Schule oder an Lehrstellen besprochen, da nahm jeder an allem teil.

Meine Mutter hatte sehr klare Vorstellungen, was sich gehörte und was nicht. Und ihren Regeln hatte man zu gehorchen. Und doch war sie wieder recht grosszügig. So durfte ich – noch nicht 17jährig – allein mit dem Schiff über den Ozean nach Nordamerika fahren um dort bei einer unbekannten Familie ein Jahr als Austauschschüler zu verbringen. Sie selber war sehr interessiert an der fernen weiten Welt: Nachdem wir Kinder ausgeflogen waren, unternahm sie mit meinem Vater unzählige Reisen in alle Teile der Welt

Und als es nach dem Tod meines Vaters ruhiger wurde, freute sie sich an den Reisen und Ausflügen mit meiner jüngsten Schwester und ihrer Familie und nahm intensiven Anteil am Gedeihen ihres jüngsten Enkels.

Nach Einführung des Frauenstimmrechts, das sie eigentlich gar nicht gewollt hatte, interessierte sich meine Mutter sehr für die Schweizer Politik und hatte klare politische Ansichten. Bis ins hohe Alter blieb sie geistig rege, nahm Anteil am Leben ihrer grossen Familie mit Enkeln und Urenkeln, löste Kreuzworträtsel und Sudoku und bedauerte nur, nicht in die Geheimnisse des Computers eingedrungen zu sein.

Vor einem Monat musste ich von dieser interessanten und interessierten, lebenskräftigen und lebensfreudigen, fürsorglichen Frau Abschied nehmen.

Meine Mutter ist gestorben.

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