Rubrik: Alle / Schicksale /

Originale

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Was sind wir doch angepasste und anonyme Menschen geworden! Im Zug sucht sich jeder ein leeres Abteil, vertieft sich möglichst schnell in ein Buch oder eine Zeitung und verstopft sich zusätzlich die Ohren mit dem i-pod. Vor dem Rotlicht sitzen die Autofahrer vor-, neben- und hintereinander bewegungslos hinter ihrem Lenkrad und schauen starr geradeaus.

Manchmal denke ich in solchen Situationen an Frau S., die bei jedem Wetter im durchgeknöpften, losen Baumwollkleid, die blossen Füsse in Schlappen, während Jahren jeden Tag ihr mit Säcken beladenes Velo an unserem Haus vorbeiführte. Ich sehe ihre Zahnlücken, wenn sie mir lachend und mit lauter Stimme eine Bemerkung übers Wetter zuruft. Und ich denke an ihr nicht immer einfaches Leben, das sie täglich zum einfachen Rebhäuschen im verlassenen Rebberg in unserer Nachbarschaft führte, obwohl sie ihren Mann vor vielen Jahren in eben diesem Rebhäuschen erhängt aufgefunden hatte. Sie pflegte dort nicht nur ihren Schrebergarten, sondern versorgte auch ihre verschiedenen halbwilden Katzen.

Gerade diese Katzen machten mir damals Sorgen, herrschte doch bei uns akute Tollwutgefahr. In einer Nacht waren wir gar vom Heulen und Klagen eines sterbenden, sich auf der Strasse wälzenden tollwütigen Fuchs erwacht und mussten den Wildhüter aufbieten. Unsere Katze hatten wir längst impfen lassen, aber wie stand es mit den Katzen von Frau S.? War nicht letzthin eine von ihnen gar durchs Fenster in unser Kinderzimmer gesprungen?

Am nächsten Morgen wartete ich auf Frau S. und fragte sie. Sie antwortete mir ausweichend, deshalb anerbot ich mich, den Transport zum Tierarzt und die Impfkosten für die Katzen zu übernehmen. Doch davon wollte Frau S. absolut nichts wissen. Resolut erklärte sie mir, dass sie die Katzen esse und deshalb kein impfverseuchtes Fleisch haben möchte.

Abends besuchte Frau S. auf ihrem Heimweg oft eine ebenfalls ältere und auch sehr eigenwillige Nachbarin, Frau W. Diese war eine ausgezeichnete Pflanzenkennerin. Zu ihrem Grundstück gehörte ein steiles Bachtobel, das sie in seiner Urwüchsigkeit pflegte und zu erhalten suchte. Daraus verirrte sich nicht selten ein Feuersalamander zu uns, einmal fand ich gar eine überfahrene Ringelnatter vor dem Haus. Als in unserem Quartier eine neue Strasse mit Rasenstreifen zum Trottoir hin gebaut wurde, grub Frau W. unzählige Schneeglöcklein auf ihrem Bachbord aus und setzte die Knöllchen in tagelanger Arbeit jeweils in den frühen Morgenstunden in den Rasenstreifen. – Im nächsten Frühjahr werde ich hinfahren und schauen, ob sie noch blühen.

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